Rollstuhlgerechte Bäder in Schweizer Altbauten: Lösungen für enge Türen unter 80 cm

24. März 2026
Verfasst von Redaktion gutwohnen24.ch

 

Du stehst vor der Herausforderung, ein historisches Schweizer Kleinbad rollstuhlgerecht umzubauen, und die schmale Türöffnung scheint ein unüberwindbares Hindernis zu sein? Diese Situation kennen viele Mieterinnen und Eigentümer in Altbauten von Basel bis Zürich. Die gute Nachricht: Selbst bei Türbreiten unter 80 cm gibt es praxiserprobte Lösungen, die nicht nur normgerecht, sondern auch ästhetisch und finanziell umsetzbar sind. Dieser Guide führt Sie Schritt für Schritt durch die Planung – von der ersten Messung über die Wahl der richtigen Türlösung bis zur kantonalen Förderantragstellung.

1. Schnell-Check: Ist Ihr Altbau-Bad grundsätzlich umbaubar?

Bevor Sie in detaillierte Planungen einsteigen, klären Sie die grundsätzliche Machbarkeit. Entscheidend ist nicht nur die Türbreite, sondern die gesamte Bewegungsfläche im Raum. Ein erster Praxistest gibt Sicherheit: Messen Sie die lichte Breite Ihrer Badezimmertür genau aus – das ist der freie Durchgang zwischen Türstock. Notieren Sie diesen Wert. Als nächstes prüfen Sie den Raum auf mindestens eine Stelle, an der ein Bewegungsfläche von 150 cm Durchmesser untergebracht werden kann, wie es die SIA 500 als Orientierung für eine 360-Grad-Drehung mit Rollstuhl vorsieht. Oft lässt sich diese Fläche durch geschickte Anordnung von WC, Dusche und Waschtisch erreichen. Für eine erste Einschätzung lohnt ein Blick auf kompakte Grundrissideen. Ein detaillierter Leitfaden zur Einrichtung kleiner Badezimmer in der Schweiz mit Fokus auf ergonomische Planung und platzsparende Lösungen wie wandhängende WCs findet sich in einer umfassenden Übersicht unter diesem Link und liefert gute erste Anhaltspunkte für die Raumaufteilung.

2. Drei konkrete Lösungen für Türöffnungen unter 80 cm

Die Tür ist der häufigste Engpass. Hier sind drei realistische Wege, die in Schweizer Altbauten regelmässig zum Einsatz kommen.

Option A: Türblatt und Zarge austauschen (Verbreiterung)

Bei massiven Wänden kann das Ausschlagen und Verbreitern des Türstocks die nachhaltigste Lösung sein. Dafür ist meist eine statische Überprüfung der Wand nötig, insbesondere bei tragenden Wänden in alten Häusern. Ein Architekt oder Statiker erstellt ein Gutachten. Die Kosten für eine Verbreiterung auf eine Standard-Innentürbreite von 86–90 cm liegen, inkl. neuer Tür, Zarge und Malerarbeiten, grob bei CHF 3’500.– bis CHF 7’000.–, stark abhängig vom Wandaufbau und eventuell notwendigen Elektroverlegungen. Diese Lösung ist bei denkmalgeschützten Bauten oft nur eingeschränkt oder gar nicht möglich.

Option B: Schiebetür oder Taschenschiebetür einbauen

Eine Schiebetür gewinnt den gesamten Türschwenkbereich als nutzbaren Raum zurück und ist die erste Wahl bei beengten Verhältnissen. Wichtig ist eine lichte Durchgangsbreite von mindestens 90 cm nach dem Einbau. Für Altbauten sind Systeme mit geringer Aufbauhöhe und Leichtgängigkeit (Low-Force-Runner) empfehlenswert. Eine Taschenschiebetür, bei der die Tür in die Wand verschwindet, ist platzsparender, erfordert aber einen entsprechend tiefen Wandaufbau. Kosten: Eine gute Qualitätsschiebetür inkl. Einbau beginnt bei etwa CHF 2’500.–, Taschenschiebetüren bei CHF 4’000.– aufwärts. Achten Sie auf eine bodengleiche, rutschhemmende Schwelle oder idealerweise einen schwellenlosen Übergang.

Option C: Layout-Workaround mit seitlichem Transfer

Wenn weder Verbreitern noch Schiebetür infrage kommen, kann eine geschickte Raumplanung helfen. Das Konzept: Das WC wird so nah wie möglich an der Tür platziert, sodass ein Transfer vom Rollstuhl aus seitlich, parallel zur Türöffnung, möglich ist. Dies erfordert eine exakte Planung der Transferfläche (mind. 90 cm x 120 cm neben dem WC) und eventuell den Einsatz eines besonders kompakten WC-Kerns (z.B. von Geberit). Diese Lösung stellt eine pragmatische Abweichung von den Idealvorgaben der SIA 500 dar und muss gut begründet werden, wird von Ergotherapeuten aber oft empfohlen.

3. Sanitär-Layout im Detail: Produkte für kompakte Räume

Im Kern geht es um drei Elemente: WC, Dusche, Waschtisch. Für jedes gibt es platzoptimierte Lösungen, die in der Schweiz gut verfügbar sind.

  • WC: Wandhängende WCs mit Tiefspülkasten in der Vorwandinstallation sparen enorm Platz und sind unterfahrbar. Modelle wie das Geberit Sigma 80 (Aufbau­tiefe ab ca. 82 cm) oder das Duravit D-Code sind etabliert. Die Vorwandkonstruktion, z.B. mit Elementen von wedi, lässt sich auch in engen Räume realisieren und verbirgt alle Leitungen.
  • Dusche: Eine absolut bodengleiche Dusche ist Pflicht. Modulare Systeme wie das wedi Fundo Duschbett ermöglichen einen schlanken Aufbau mit integrierter Gefälle­schicht und Dichtung. Die Mindestgrösse für einen Rollstuhlnutzer beträgt 120 cm x 120 cm innen, besser 130 cm x 130 cm. Eine Duschecke kann Raum sparen.
  • Waschtisch: Unterfahrbare Modelle mit seitlicher oder freier Front, wie die Serie KEUCO AXESS oder LAUFEN Palomba, sind designstark und funktional. Achten Sie auf eine fest installierte, höhenverstellbare oder ausziehbare Brause für die Haarwäsche.

4. Schritt-für-Schritt zur Umsetzung: Von der Messung zum Handwerker

Ein strukturierter Ablauf verhindert Fehler und Kostenüberschreitungen. Folgen Sie diesem Protokoll:

  1. Eigenmessung und Dokumentation: Messen Sie lichte Türbreite, Raummasse, Fensterposition, bestehende Leitungswege. Machen Sie Fotos aus allen Ecken.
  2. Pflichtenheft erstellen: Halten Sie Ihre Anforderungen schriftlich fest: Gewünschte Lösungen (z.B. „Schiebetür, lichte Weite 90 cm“, „bodengleiche Dusche 130×130 cm“), produktspezifische Wünsche, ästhetische Vorgaben.
  3. Fachperson beiziehen: Beauftragen Sie einen auf barrierearmes Bauen spezialisierten Sanitärinstallateur oder einen SIA-Architekten mit entsprechender Erfahrung. Lassen Sie sich auf Basis Ihres Pflichtenhefts mindestens zwei Offerten erstellen.
  4. Genehmigungen klären: Besprechen Sie mit Ihrer Hausverwaltung oder der Eigentümergemeinschaft den Umbau. Bei Denkmal­schutz kontaktieren Sie frühzeitig die kantonale Denkmalpflege (z.B. in Zürich die kantonale Denkmalpflege, in Bern das Amt für Kultur). Reichen Sie Ihre Pläne ein.

5. Finanzierung: Kantonale Förderung und Zuschüsse

Die Kosten müssen nicht allein getragen werden. In der Schweiz gibt es verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten, die kantonal unterschiedlich geregelt sind. So gehen Sie vor:

  • IV (Invalidenversicherung): Sie kann Beiträge an die behindertengerechte Umgestaltung der Wohnung leisten, wenn eine medizinische Notwendigkeit durch ein ärztliches Gutachten belegt ist. Der Antrag geht über Ihre IV-Stelle.
  • Kantonale Sozialdienste / Amt für Sozialversicherungen: Viele Kantone und Gemeinden kennen zusätzliche Beiträge oder zinslose Darlehen. Erkundigen Sie sich direkt bei Ihrer Wohngemeinde.
  • Stiftungen und Beratungsstellen: Organisationen wie Procap Schweiz oder Pro Infirmis bieten kostenlose Beratung zum hindernisfreien Bauen und kennen oft weitere Fördertöpfe. Pro Senectute berät speziell im Alter.

Checkliste für Ihren Förderantrag: Bereiten Sie vor: Ausgefülltes Antragsformular der zuständigen Stelle, detaillierter Kostenvoranschlag eines Fachunternehmens, ärztliches Gutachten/Attest, Grundrissplan mit der geplanten Massnahme, Foto der Ist-Situation. Ein klares Anschreiben, das die konkrete Problematik („Türbreite von nur 75 cm verhindert selbständigen Zugang zum Bad“) schildert, erhöht die Erfolgschancen.

6. Fallstudien aus der Praxis: Lessons Learned

Fall 1 – Zürcher Altbau, Tür 75 cm: Statt aufwändiger Verbreiterung wurde eine hochwertige Schiebetür (licht 92 cm) mit bodengleicher Aluschwelle eingebaut. Kombiniert mit einer wandhängenden WC-Vorwand und einem wedi Fundo Duschbett entstand ein voll nutzbarer Raum auf 4,2 m². Kosten: ca. CHF 28’000.– inkl. Fliesen. Förderbeitrag der IV: 40%.

Fall 2 – Berner Denkmalhaus, kleines Gästebad: Da Eingriffe in die Bausubstanz kaum möglich waren, wurde das Layout um 90 Grad gedreht. Ein kompaktes WC mit seitlichem Transferbereich neben der Tür (Workaround Option C) und ein extrem schmaler, unterfahrbarer Waschtisch (45 cm Breite) machten es möglich. Die bestehende Tür blieb erhalten. Die Denkmalpflege stimmte der minimalinvasiven Lösung zu. Kosten: CHF 18’500.–.

Fazit: Der Weg zum barrierearmen Kleinbad ist gangbar

Ein rollstuhlgerechtes Bad im Schweizer Altbau zu planen, erfordert Kreativität und systematisches Vorgehen, ist aber keine Utopie. Der Schlüssel liegt in der genauen Analyse der Türsituation und der Wahl einer der drei Praxislösungen – Verbreiterung, Schiebetür oder cleveres Layout. Ziehen Sie frühzeitig Fachleute hinzu und nutzen Sie die kantonalen Fördermöglichkeiten. Beginnen Sie noch heute mit der ersten, kritischen Messung Ihrer Türöffnung und notieren Sie sich die konkreten Schwierigkeiten, die der jetzige Zustand für Sie oder Ihr Familienmitglied bereitet. Diese Notizen sind der erste, wichtige Schritt zu einem selbständigeren und würdevolleren Lebensumfeld.

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